Working Group

lumbung Land

Die Working Group lumbung Land ist eine Zusammenarbeit der lumbung member und lumbung-Künstler*innen INLAND, Jatiwangi art Factory, LE 18, La Intermundial Holobiente, MADEYOULOOK, Marwa Arsanios, Subversive Film, Serigrafistas Queer, Wajukuu Art Project und anderen.

Das Experimentieren mit nachhaltigen Wirtschaftsformen ist das Herzstück der documenta fifteen.

Die verschiedenen Working Groups ermöglichen das Teilen von Wissen und den langfristigen Aufbau von lumbung als Fundus an kollektiven Ressourcen. Auf diese Weise können die Ideen und Aktionen, die sich vor und während der Ausstellung in Kassel entwickelten, fortgesetzt, verknüpft und in andere Kontexte übertragen werden.

Aus breiter geführten Diskussionen in einer Working Group namens lumbung Economy haben sich weitere Working Groups entwickelt. Jede dieser Arbeitsgruppen erforscht eine spezifische Praxis: Vom Konzept für einen durch slow trade betriebenen, regenerativen Laden über Gemeinschaftswährungen bis hin zu einer Galerie, deren Preise nicht spekulativ sind und die zum Nutzen der Gemeinschaft arbeitet. Diese Working Groups heißen lumbung Kios, lumbung Gallery, lumbung Currency und lumbung Land.

Experimente mit Modellen der Landentwicklung

Land (im Sinne von Grund und Boden) ist einer der grundlegendsten Denkansätze für die lumbung Economy. Es bezeichnet einen Raum, in dem eine Gemeinschaft über Handlungskompetenzen verfügt, Ressourcen kollektiv verwalten und eine auf lumbung-Werten basierende Wirtschaft und unabhängige künstlerische Praxis aufbauen kann. Da viele lumbung member und lumbung-Künstler*innen jedoch mit Problemen des Landraubs, der Klimagerechtigkeit oder fehlender Mittel für den Erwerb von Grundstücken konfrontiert sind, werden ihre Nachhaltigkeit sowie ihre autonome künstlerische Praxis beeinträchtigt. Andere beschäftigen sich mit Land, das restituiert wurde, und mit der Neuschöpfung einer kollektiven Vorstellung von Land.

Die Working Group lumbung Land sucht nach ganzheitlichen Modellen für die Bewirtschaftung, den kollektiven Besitz oder das Gedeihen von Land aus menschlicher und nicht-menschlicher Perspektive. Sie erprobt dabei Modelle der Landentwicklung, welche Kultur, Landwirtschaft und Ökologie verbinden. Außerdem entwickeln ihre Mitglieder Möglichkeiten, kollektiv in ihre eigenen Projekte zur Landentwicklung zu „investieren“. Die Gruppe definiert die Rendite und den Wert, den das Land einbringt. Neben der Working Group für Landinvestitionen von 2021 hat sich aus den Diskussionen auch eine diskursive Working Group lumbung Land herausgebildet.

Land, Boden, kollektives Regieren, die Erinnerung an verlorenes oder wiedergewonnenes Land und (urbanes) Gärtnern sind gemeinsame Themen vieler künstlerischer Arbeiten, die auf der documenta fifteen gezeigt werden. Diese Projekte erörtern, wie das kulturelle Schaffen helfen kann, die Beziehung zu Land neu zu denken: Wie können solche Experimente dazu beitragen, neue Utopien zu entwickeln, die die Vorstellungen der Moderne dekonstruieren? Könnten Indigene Poesie, Bilder und Lieder der Schlüssel zu einer Vision von Land sein, die nicht extraktivistisch ist und die auf der Eigenständigkeit der auf diesem Land lebenden Menschen und Nicht-Menschen aufbaut?

Nach der documenta fifteen

Die Working Group lumbung Land setzt ihre Arbeit auch nach dem Ende der Ausstellungslaufzeit der documenta fifteen fort. Ihre Mitglieder treffen sich im November 2022 während einer von MADEYOULOOK organisierten Veranstaltung in Südafrika, um die Lernerfahrungen der documenta fifteen auszuwerten und die weitere Zusammenarbeit zu planen. lumbung member Jatiwangi art Factory führt im September 2022 in Zentraljava Aktivitäten im Rahmen der New Rural Agenda durch, während INLAND auf seinem eigenen Grundstück in Nordspanien bei der Ernte ist

Einige Beispiele für künstlerische Projekte zum Thema Land auf der documenta fifteen sind:

documenta fifteen: MADEYOULOOK, Mafolofolo, 2022, Installationsansicht, Hotel Hessenland, Kassel, 15. Juni 2022, Foto: Frank Sperling

Die Arbeit der lumbung-Künstler*innen MADEYOULOOK für die documenta fifteen ist das Ergebnis einer mehrjährigen Recherche zu den gegenwärtig drängenden Themen im Zusammenhang mit Land in Südafrika und anderswo. Das Kollektiv verfolgt zwei Ziele mit seinem Beitrag: Erstens will MADEYOULOOK die Arbeit seiner Gemeinschaft von Züchter*innen, Landwirt*innen und Landbewirtschafter*innen aus der ganzen Welt mit dem ekosistem in Kassel durch eine Reihe von diskursiven Veranstaltungen verknüpfen: Filmvorführungen, Hörveranstaltungen und Diskussionen im kleinen Rahmen, die als Gartengespräche bezeichnet werden. Zweitens thematisiert das Kollektiv in einer 8-Kanal-Soundarbeit und einer Bodeninstallation im Hotel Hessenland Fragen der spirituellen Geborgenheit und Heilung in Bezug auf das Land sowie die tiefen und dauerhaften geografischen Bezüge, die trotz der longue durée der turbulenten und destabilisierenden Existenz Südafrikas bestehen.

documenta fifteen: INLAND, 2018, Foto: Marta Goro

Für INLAND ist die Beziehung zum Land weder spekulativ noch konzeptionell. Sie beinhaltet, dass die Vorfahren und alle anderen Wesen geehrt werden. Durch Anbau und Pflege versucht das Kollektiv, produktive Projekte zu entwickeln, die Ernährungssouveränität im Zusammenschluss mit globalen Indigenen und bäuerlichen Bewegungen ermöglichen.

Für die Working Group schlägt lumbung member INLAND verschiedene Aktionen vor: Von der Beratung einer Reihe künftiger landbasierter Kunstprojekte in verschiedenen Teilen der Welt, von Palästina bis Nordschweden über die Intervention in einem Waldstück, das derzeit eine Eukalyptus-Monokultur ist und die Gestaltung seines Übergangs zu einem biodiversen, agro-silvo-pastoralistischen Ökosystem als Teil der Shepherds School (im Jahr 2004 begonnen) bis hin zum Wiederaufbau eines verlassenen Dorfes in Spanien mit dem Ziel, als Lernerfahrung und Raum für andere lumbung member zu dienen. Eine Podcast-Reihe und eine Publikation sind ebenfalls in Arbeit.

Eine Wiese mit Olivenbäumen und einer Mauer auf der rechten Seite

Marwa Arsanios, Still aus Who is Afraid of Ideology? Part 4, 28′, 2021, Courtesy Marwa Arsanios

In ihrer fortlaufenden Filmreihe Who is Afraid of Ideology (seit 2017), die während der documenta fifteen gezeigt wird, setzt sich die lumbung-Künstlerin Marwa Arsanios mit der Geschichte des Eigentums im osmanischen Gebiet aus rechtlicher, wirtschaftlicher und politischer Sicht auseinander. Im Forschungsprozess, an dem eine Juristin, ein Historiker, eine Philosophin, Landwirt*innen und eine Wissenschaftlerin beteiligt sind, wird über die Möglichkeit der Ent-privatisierung eines Grundstücks nachgedacht. Der philosophische Ansatz des Materialismus und des Neuen Materialismus in Bezug auf Land sowie die historische Perspektive helfen die juristische Argumentation für eine Ent-privatisierung zu untermauern. Mit ihrem Film zielt Arsanios darauf ab, eine Art Handbuch zu erstellen, das später juristisch verwertbar sein könnte. Durch diesen Prozess versucht die Künstlerin zusammen mit den Mitwirkenden des Films ein Modell für die Beziehung zu Land zu entwickeln, das über den Besitz hinausgeht und auf einen Zeitpunkt vor der kolonialen Institutionalisierung von Privateigentum verweist.

lumbung member Jatiwangi art Factory untersucht, inwieweit es möglich ist, das Ländliche als ein Konzept neu zu definieren und zum Ausgangspunkt für die Diskussion über eine gemeinsame Zukunft zu machen. Mit diesem Leitgedanken entwickelte das Kollektiv die New Rural Agenda – ein transnationales Gipfeltreffen von Netzwerken ländlicher Gemeinschaften.

Dem Gipfeltreffen ging die New Rural School voraus, eine Veranstaltungsreihe zum Wissens- und Erfahrungsaustausch in Form von Konferenzen, Amateur*innenfunkgesprächen, urun-Postern und dem Bulletin Rural School. Es unterstreicht die vielfältigen Perspektiven von den Rändern und Peripherien und hinterfragt gleichförmige Vorstellungen von Fortschritt und Nachhaltigkeit.

documenta fifteen: New Rural Agenda Summit, Jatiwangi art Factory, 2022, Friedrichsplatz, Kassel, 21. Juni 2022, Foto: Martha Friedel

Das Gipfeltreffen der New Rural Agenda fand am 21. Juni 2022 während der documenta fifteen in Kassel statt, wo die Stakeholder zusammenkamen und Piagam Martabat Penghuni Bumi – die Charta der Würde der Erdbewohner*innen – erarbeiteten. Perhutana (die indonesische Abkürzung für Perusahaan Hutan Tanaraya, was Tanaraya Forstbetrieb bedeutet) ist Teil der New Rural Agenda. Ziel des Projekts ist die Rückgewinnung von Land, um einen heiligen Wald zu schaffen. Alle, die Interesse haben, können ein Grundstück von 4 m x 4 m kaufen, das Teil des Waldes sein wird. Im Gegenzug erhalten die Teilnehmenden Zertifikate, die aus Erdziegeln bestehen. Außerdem erhalten die Käufer*innen ein NFT-Zertifikat, das sie in Geld umtauschen können. Nachdem jedes Teilstück verkauft und bepflanzt ist, registriert das Forstministerium Perhutana als einheimischen Wald für die Bewohner*innen der Region.

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